Wer A sagt muss auch B sagen — am Ende gewinnt die korrekte Idee

Kennt ihr den Spruch: “Wer A sagt, muss auch B sagen.” Dieser völlig verblödete Spruch sagt so etwas aus wie: Wer etwas anfängt, muss konsequent sein und es fertigmachen. Oder noch besser: perfekt sein. Bei näherer Betrachtung ist das Gebot “Wer A sagt, muss auch B sagen” völliger Nonsens. Es wird gerne von Eltern und Lehrern an Kinder und von Managern an Mitarbeiter gerichtet. Es entwertet uns.

In seinen vielen Varianten hat der Spruch gerade Hochkonjunktur. Menschen, die für eine echte Klimapolitik eintreten, wird vorgeworfen, dass sie 

  • ja noch immer fliegen,
  • die eine oder andere Plastiktüte nutzen,
  • noch Auto fahren,
  • nach einer Demonstration die Straßen voller Abfälle hinterlassen,
  • nur demonstrierten, weil sie die Schule schwänzen wollen,
  • die Kreuzungen blockieren und damit die arme Mutter behindern, die ihre Kinder in die Kita bringen will.

Ja — all das passiert. Menschen können eine Meinung und eine Haltung haben und doch noch nicht perfekt sein. Sie können Dinge tun, um ihre Haltung auszudrücken, die für andere unbequem sind, und aus Sicht des etablierten Wertesystems zunächst nicht korrekt erscheinen.

Doch das ist alles hinlänglich bekannt. Es sollte mich auch nicht zu sehr aufregen. Was mich an dieser Diskussion stört: Es wird nicht über die Sache geredet. Es wird nicht mit den Demonstranten darüber gesprochen, ob ihre Thesen korrekt sind. Es wird nicht offen darüber gesprochen, dass man keine Lust hat zu reagieren, weil einen die Alternative erschreckt und das Nachdenken darüber schmerzhaft ist. Es wird nicht gehandelt, sondern es kehrt Stillstand ein. Reden statt Tun.

Die Fakten sind nicht zu bestreiten, dennoch will das Establishment nicht reagieren. Schülern, die für ihre eigene Zukunft eintreten, wird mit erhobenem Zeigefinger geraten, sie sollen nicht Schule schwänzen. Statt zu diskutieren wird diffamiert. 

Nuhr schwach

Den Kindern und Jugendlichen wird vorgeworfen, dass sie im Wohlstand leben. Dass sie ihre Demos mit teuren Handys organisieren, die sie mit dem Strom aus der Steckdose aufladen. Dieter Nuhr fand sich besonders lustig: „Wenn unsere Kinder meinen, wir können diese Welt mit ein bisschen Sonne und Wind antreiben, dann sollten wir Eltern ihnen ein Hamsterrad mit Dynamo ins Kinderzimmer stellen. Da können sie dann ihre Handys aufladen und dann im Kerzenschein Gedichte lesen.“ (mehr dazu hier) Hauptsache er erntet Lacher, dass sich die Balken biegen. Menschen werden in Ecken gestellt, fertig gemacht, beschimpft und sogar gehasst. Alles nur, um nicht auf der Ebene der Argumente kontern zu müssen. Nuhr selbst bezeichnet seine Aussage natürlich als “argumentativ”, wenn auch satirisch.

Niemand wurde von diesen Abwehrmechanismen in den letzten Monaten härter getroffen als Greta Thunberg. Ihre emotionale Rede beim UNO-Klimagipfel hat bei den Hatern alle Dämme der Niedertracht brechen lassen. Und auch hier hat sich Dieter Nuhr – noch dazu im öffentlich-rechtlichen Fernsehen – besonders hervorgetan.  Nuhr erklärt zwar in einem bemerkenswerten Interview (3), das sei Satire gewesen und er dürfe “die mächtigste Frau der Welt” so angehen. Es sei seine Aufgabe, auch das Dahinterliegende, also die Folgen ihrer Forderungen darzustellen. Sein Mittel sei die Satire, der Humor — und sein Witz wäre gut gewesen. Aus seiner Sicht ist das sicher richtig, doch er hat eben nicht auf die Folgen hingewiesen, sondern zum plumpen Mittel gegriffen: “Na dann trag doch die Folgen deiner Forderung!” Das war weder ein guter Witz noch besonders intelligent. Noch trauriger ist, dass er nicht versteht, dass er danebengehaut hat und es mit “die Linken mögen halt nur Witze gegen die Rechten” abtut. 

Das gleiche Muster wie bei agilen Transitionen

Doch ich bin ja nur ein agiler Consultant, der nichts von Satire, Diffamierung, Politik, Schule oder Gesellschaft versteht. Mein Ziel ist es, das Management von Organisationen so zu verändern, dass wir mit weniger Aufwand viel mehr Produktivität gewinnen. Dann ist doch alles gut, denn ich will ja anderen dabei helfen, besser zu werden. Also bin ich vor Anfeindungen geschützt, oder?

Nicht ganz. Mir selbst wurde vorgeworfen, ich hätte nur ein abgebrochenes Physikstudium. Mein Magister-Abschluss (in Bestzeit) in Philosophie und Soziologie und mein Executive MBA von der Hochschule St. Gallen zählen natürlich nicht. Zugegeben, mein Thema war 15 Jahre lang nicht der Klimaschutz, sondern die Modernisierung der Arbeitswelt und die Effektivierung von DAX-Konzernen. Und statt einer eigenen Doktorarbeit habe ich mit sieben Büchern und praktischer Arbeit die Grundlagen dafür gelegt, dass nun andere ihre Doktorarbeit über Agilität schreiben können. Und ich will mich und mein Unternehmen stärker im Thema ESG engagieren. Das ist die beste Gelegenheit, mir meine Imperfektion vorzuhalten. Auch ich und meine Kollegen fliegen noch durch die Welt. Wir beraten noch immer Unternehmen aus den TOP 100 Deutschlands bei Projekten, die nicht immer ESG-relevant sind. 

Doch nicht nur in diesem Bereich mache ich mich angreifbar — und werde entwertet. Alle erwähnten Muster laufen bei genauerem Hinsehen bei jeder agilen Transition ab. 

DEVCON 1 – Inhaltliches Diskreditieren: Der, die (agile Coach) hat ja keine Ahnung. Zu jung, zu alt, kommt aus einer anderen Branche, redet von Software statt von Verwaltung, Marketing oder was immer das Spezialgebiet des jeweiligen Kunden ist. Grundlage des Frontalangriffs ist der Versuch, all das zu leugnen, was wir in den letzten Jahren erreicht haben – “weil es einen ja nicht betrifft”.

DEVCON 2 – Diskreditieren des Verhaltens oder der Erfahrung: Der Coach soll authentisch sein und fehlerfrei im eigenen Handeln. Er muss selbst die Dinge schon umgesetzt haben. Am besten war er schon Geschäftsführer eines Multimillionen-Unternehmens und hat profunde Erfahrung in genau demselben Bereich.

Es stimmt schon: Spitzensportler zum Beispiel holen sich Trainer, die ebenfalls Spitzensportler waren. Und gleichzeitig holen sie sich Mentalcoaches, die persönlich vielleicht völlig unsportlich sind, aber ihren Coachees zusätzliche Wege zum Erfolg zeigen. Manchmal liegt die Kraft für das Weiterkommen im eigenen Bereich im Transfer von Erfahrungen aus einem völlig anderen Bereich.

Gerade war ich bei einer Konferenz zum Thema Nahrung im 21. Jahrhundert. Die Speaker kamen alle nicht aus der traditionellen Food-Industrie. Sie waren in der Lage, ganz anders und neu über das Problem “Wie ernähren wir die Menschheit in 15 Jahren” nachzudenken als die Profis.

DEVCON 3 – Abstempelung als Extremist (in eine Ecke stellen): Gelingt es nicht, die Selbstüberhöhung und den Widerstand aufrechtzuerhalten, dann wird man in die Schublade “Extremist” gesteckt. Die Haltung des Consultants – genauso wie jene von Greta Thunberg oder Lisa Neubauer – wird als absurd hingestellt. Sie seien mit ihren Ideen so weit weg von der Realität, nichts davon sei möglich. Wir sind Spinner, Realitätsverweigerer, Träumer. Man muss nur einige Twitterfeeds lesen, in denen Greta und Lisa aufs Übelste beschimpft werden. Dabei sind das zwei blitzgescheite junge Frauen, die einfach nur die Fakten offenlegen und konsequent sagen: Ihr wollt es doch selbst, tut also endlich etwas! Ja, ich betone Frauen, weil wir Männer endlich damit klarkommen müssen, dass es offenbar Frauen sind, die die Welt für uns alle retten. 

Ich versteh ja auch nix

Nein — mir wird nicht ein Hass wie auf Greta entgegengebracht, aber schaut mal in die Kommentare zu meinem Artikel auf XING: “Kinder brauchen keine Schulen”. Darin sage ich, dass unser Schulsystem katastrophal ist und dass wir etwas anders brauchen. Geliefert wurden wenige echte Gegenargumente oder konstruktive Ansätze, sondern nur persönliche Erfahrungen und Anfeindungen. Dabei hatte ich niemanden in diesem System beschuldigt. Als Soziologe wurde ich darin ausgebildet zu verstehen, dass wir Menschen in den Zwängen unserer Institutionen stecken. Zwei Beispiele: 

“Kein Grund zur Besorgnis, Herr Lange: gerade hier im Klartext toben sich viele Utopisten aus – sie selbst nennen sich lieber „Querdenker“ – die sich unter dem Schutz der Meinungsäußerungsfreiheit nahezu über alles auslassen. Besonders beliebt sind Themen wie dieses hier oder das BGE, wo man so herrlich träumen kann, und man reagiert sehr angesäuert, wenn doch tatsächlich jemand wie z. B. ich daherkommt und nach logischer Beweisführung oder wie beim BGE nach der Finanzierung fragt. Das Spiel heißt „Flachsinn“ und funktioniert ohne Regeln!”

Ich bin also ein Utopist ohne logische Beweisführung und muss natürlich wissen, wie meine Ideen bezahlt werden können — genau das wirft man auch Greta vor. 

“Wie oft hat der Autor vor einer Klasse gestanden ? Wie viele Jahre hat er mit Kindern gearbeitet? Je offener die Schulformen, desto schlechter die Ergebnisse, das erfährt man aus der Diskussion mit Lehrern und vor allem Unternehmern die ausbilden wollen. Mit Verlaub – Völlige Selbstüberschätzung eines fachfremden Beraters. Furchtbar. Noch schlimmer als die heute schon schlimmen Auswüchse der 68er.” (Quelle)

Ich habe also nie vor einer Klasse gestanden, nie mit Kindern gearbeitet. Dann endlich mal ein Argument: offenere Schulformen haben schlechtere Ergebnisse. Aber noch eins drauf mit der Keule: Ich überschätze mich selbst, bin fachfremd und schlimmer als die 68er. Immer die gleiche Logik: diffamieren statt zuhören.

Und dabei habe ich nur von neuen, anderen Möglichkeiten geschrieben (die es ja gibt, siehe den Artikel im Forbes Magazin: Teachers Who Quit To Create Schooling Alternatives; oder die IGS Frankfurt Süd, der Markhof in Wien oder die neue Lernplattform „chabadoo“ für Self-Directed Learning). Ich habe davon gesprochen, dass man etwas tun könnte, das tatsächlich erfolgreich sein könnte. Denn so gut wie niemand, den ich in den letzten Jahren befragt habe, ist mit unserem Schulsystem wirklich zufrieden. Es gibt nur wenige Menschen, die gerne in die Schule gegangen sind, so lala zufrieden sind. Es gibt aber zig Untersuchungen, die zeigen, wie Schule Kreativität vernichtet. Sir Ken Robinson verdeutlichte das bereits 2006 in seinem Vortrag “Does School Kill Creativity?” (2). Der Philosoph Richard David Precht erklärt in seinem amüsanten Vortrag “Bildung vs. Wissen” (1), warum unser Schulsystem so ist wie es ist und auf Gleichschaltung ausgerichtet sein muss. 

Obwohl also evidenzbasiert völlig klar ist, dass unser Schulsystem am Ende ist, wird es nach wie vor von denen verteidigt, die darunter gar nicht leiden (Eltern). Von den Politikern wird nichts verändert, weil sie auch nichts davon haben. Aber das nur als Beispiel, wie sehr der Diffamierungsansatz an der Realität vorbeigeht.

Diffamierungen sind nur Steine am Weg

Zum Glück bin ich aus Erfahrung resilient: In meiner langjährigen Consultingpraxis, in meinem Ringen darum, anderen Menschen die Vorteile des agilen Mindsets zu zeigen, ist mir auch immer wieder erklärt worden, dass ich träume. Mir hat man auch vorgeworfen, dass das alles nicht geht und die Welt nicht so ist, wie ich sie darstelle. In der Realität sei alles ganz anders und schon gar nicht könnten Menschen Lust an der Arbeit haben. Unternehmen würden sich nie ändern und ich würde schon sehen … 

Ich sehe, dass Scrum und agile Managementtechniken weitgehend zum Standard geworden sind und selbst Weltkonzerne entweder schon agil arbeiten oder auf dem Weg dorthin sind. Ich weiß: So ist es immer mit den wirklich entscheidenden und einfachen Veränderungen. Als Galileo und Kopernikus die Erde aus dem Zentrum des Universums verbannten, schlug ihnen auch die Macht des Establishments entgegen. Genützt hat es dem Establishment nie. Es ist immer untergegangen.

(1) David Precht: Bildung vs Wissen, https://www.youtube.com/watch?v=on-O5v3UcBk
(2) Sir Ken Robinson, TED: Does School Kill Creativity, https://www.youtube.com/watch?v=iG9CE55wbtY
(3) Dieter Nuhr, Steingarts Morning Briefing, https://www.gaborsteingart.com/podcast/https-dasmorningbriefing-podigee-io-308-neue-episode/?wp-nocache=true

Foto: istock – baona