New Work – vom ausgelutschten Buzzword zur Mündigkeit

Das Buzzword „New Work“ ist in den letzten Monaten geradezu inflationär in allen Magazinen und Zeitschriften aufgetaucht. Unter diesem Begriff wird uns gerade alles verkauft: Yoga für Führungskräfte, teure und wundervolle Lounges (früher Kaffeeküchen) und natürlich die Idee, dass jedes Start-up gut ist und wir nur dieses hippe Start-up-Feeling in knochentrockene Konzerne bringen müssen. Es gibt Kinofilme wie „Augenhöhe“ und „Stille Revolution“, Bücher wie „Musterbrecher“ und aus dem Boden schießende Consultingfirmen, die alle das Gleiche versprechen: Wir transformieren Ihre Organisation und machen sie robust für die VUCA-Welt (siehe zum Beispiel Speaker wie die von Forbes promotete Sunnie Groeneveld in Zürich).

1000 Methoden – aber die Idee geht verloren

Es gibt sicher noch hunderte andere Initiativen und noch tausende andere Methoden, denen ich schon gar nicht mehr folgen kann und wahrscheinlich auch nicht folgen will. Ich verstehe nicht mehr, warum wir noch eine weitere Ausdifferenzierung der gleichen Idee brauchen. Working Out Loud (WOL) ist so ein Phänomen. WOL als Methode verstehe ich zwar, doch ich kann nur mehr den Kopf schütteln. Noch eine Methode, die ihre Zielgruppe sucht und dabei in anderen Worten nur die gleichen alten Ideen aus dem Agilen Manifest, dem Lean Management oder von Peter Drucker (der damals wirklich bahnbrechende Ideen hatte) wiedergibt. Es wird uns als etwas anderes und Besseres verkauft, doch bei näherem Hinsehen ist es doch wieder das Gleiche (wir werden später sehen, dass genau dieses Phänomen einen Mainstream-Markt charakterisiert).  Ich habe diesen Entwicklungen in den letzten zwei Jahren zugeschaut und, abgelenkt durch die Geburt meines Kindes, mein Studium und den anstrengenden Ausbau unserer Firma zunächst nicht gewusst, wie ich reagieren soll.

Hype ohne Substanz

In mir wuchs ein Unwohlsein. Ein Gefühl, das ich zunächst gar nicht wirklich greifen konnte. Was war da los? War das jetzt alles Konkurrenz? Entsteht da eine Bedrohung für unsere Firma? Gibt es möglicherweise einen Trend, den wir verschlafen? Könnte ja sein, doch irgendwie hatte ich den Eindruck, dass da im Grunde nichts Neues passiert – und gleichzeitig war es ja gut. Unser Thema wurde mehr und mehr aufgegriffen: eine neue Arbeitswelt zu schaffen, in der Menschen durch ihre Arbeit so glücklich werden, dass sie davon erfüllt sind statt auszubrennen.

Gleichzeitig begannen mich diese Entwicklung und die aufkommende Szene einfach nur zu langweilen. Den Film „Der Upstalboom Weg“ hatte ich schon vor vier Jahren in meinen Trainings gezeigt und in meinem Buch „Selbstorganisation braucht Führung“ erwähnt. Ich wartete auf die wirklich wichtigen Neuerungen, die ja nicht alle von mir kommen mussten. Doch da kam nichts, außer aufgewärmte, bekannte Ideen. Die andere Entwicklung: Ich konnte mich immer seltener dazu überwinden, einfache Sachverhalte aus dem Lean Management oder die Visualisierung von Arbeit gegen die immer gleichen Argumente zu rechtfertigen.

Ich spürte dieses Unwohlsein. Da passierte etwas: ein Abdriften. Zunächst fühlte es sich so an, als würde aus New Work eine Art Konsumgut werden. Es wurde hip, ins Silicon Valley zu fahren. Waren unsere Ideen wirklich zur Modeerscheinung geworden? Ging das eigentliche Ziel unserer Ideen verloren? In Dialogen mit Kunden und mit vielen von euch in Meetups hörten wir immer öfter: „Wir machen schon Scrum, wir haben auch schon Kanban versucht, doch das funktioniert auch nicht.“ Einerseits wurden also die Bücher, die wir agilen Consultants schrieben, verstanden und die Anregungen daraus von manchen sogar umgesetzt. Doch andererseits schien sich fast niemand tiefer mit den dahinterliegenden Ideen auseinandersetzen zu wollen.

Agilität: Hol die Menschen aus der unverschuldeten Unmündigkeit

Die eigentliche Idee der Agilität, die auch mich fasziniert hatte, zeigte sich immer weniger. Agilität hatte doch die Aufgabe, uns aus der unverschuldeten Unmündigkeit zu holen, die uns durch die Institutionen auferlegt wurde. Doch derzeit sieht es ein wenig so aus, als würde dieses fundamentale Projekt scheitern.

Ein Kollege hat einmal gesagt: „Agilität ist bei den großen Konzernen durch.“ Agilität wäre nun wie jede andere Methode und jeder andere „Skill“ als etwas Äußerliches – also als nicht integriertes und bewusstes Wissen – von den Managern einkaufbar. Und damit ist es durch das Management mit den weiterhin unveränderten Methoden aussteuerbar.

Agilität wurde, wie zuvor „Lean Management“, ja sogar so wie das Projektmanagement wirkungslos, weil es angepasst wurde. Es wurde zugeschnitten, und zwar so, dass sich im Grunde nichts ändern musste. Wenn man agiles Arbeiten oder New Work zu kurz versteht – nämlich nur als eine andere Methode, um mit den Menschen so umgehen zu können, als wären sie Objekte (wird deutlich durch das Wort Ressourcen) – verändert das gar nichts. Dann sagt man den Leuten halt, dass sie ein Taskboard statt einen Projektplan nutzen müssen. Die Menschen werden genauso entmündigt wie zuvor.

Das wurde mir nur schleichend klar, denn ich war mit anderen Voraussetzungen gestartet – doch ich fand keine Worte für das, was da geschah.  Mir ging es ja darum aufzuzeigen, dass die Verhältnisse in den Unternehmen den Einzelnen wie auch die Teams entmündigen. Mir kam gar nicht in den Sinn, dass andere Menschen das nicht sahen. Mir war total unklar, warum mir Menschen immer wieder sagten, wir würden ja nur Tools und Methoden verkaufen, mehr nicht. Dabei war das für mich nur ein winziger Teil, eine Art Voraussetzung, damit die eigentliche Idee (siehe oben) Wirklichkeit werden konnte. So ähnlich wie das Notenlernen zum Musikmachen dazugehört, aber nicht das Musikmachen selbst ist.

Wir werden zu Objekten, wenn wir so weitermachen

Wie gesagt, ich war wortlos – nicht sprachlos. Ich hatte noch keine Worte gefunden, die beschreiben konnten, was mich gerade umtrieb. Es zog mich aber zum Begriff der Würde, ihn Gerald Hüther verwendet (dazu hat er das wunderbare Buch „Würde – Was uns stark macht, als Einzelne und als Gesellschaft“ geschrieben). Gerald Hüther moniert immer wieder, dass es einen gewaltigen Unterschied macht, ob man einem Menschen begegnet und ihn als Objekt der eigenen Interessen sieht, oder ob man ihn als ein Subjekt wahrnimmt, von dem etwas zu lernen ist

„Nicht die Bewahrung der eigenen Würde, sondern die Sicherung eigener Vorteile und Gewinne auf Kosten anderer bestimmt das Leben und das Zusammenleben sehr vieler Menschen. Und die schrecken deshalb auch nicht davor zurück, andere Menschen – in ähnlicher Weise wie sie das mit ihren Geräten und Maschinen und ihren Nutz- und Haustieren machen – wie Objekte zur Realisierung ihrer Absichten und Ziele zu benutzen. Das erleben nicht nur die Erwachsenen, die sich vielleicht noch davor schützen und dagegen verwahren könnten, sondern auch die solchen Bestrebungen macht- und hilflos ausgelieferten Kinder.“(1)

Irgendwie war der Hüther da etwas auf der Spur und in seinem neuesten Buch macht er es schließlich am „inneren Kompass“ der Würde des Menschen fest. So weit so gut, doch es half mir noch immer nicht meiner Wortlosigkeit.

Danke für die Klarheit, Lars Vollmer!

Ich kreiste und kreiste, mir wurde auch klar, wie wir unsere Firma in den nächsten Jahren rund um das Thema nachhaltiges Wirtschaften ausrichten müssen. Und dann kommt Lars Vollmer mit seinem Vortrag „New Work ist im Mainstream angekommen – und nun?“ daher, und es macht: „Peng!“ Das war es. Er hat völlig Recht, wenn er sagt, dass wir all das New-Work-Tam-Tam nicht nutzen, um die Menschen zum Denken zu bringen oder sie frei entscheiden zu lassen. Kurz: sie als erwachsene Menschen zu behandeln. Nein, wieder werden alle diese Methoden benutzt, um Menschen vorzuschreiben wie sie zu sein, zu arbeiten, zu leben und zu lieben haben. Ken Schwaber hat übrigens immer den Grundsatz vertreten, dass wir es in Unternehmen mit Erwachsenen zu tun haben – wir sollten sie entsprechend behandeln.

Das war wirklich nie meine Absicht oder die Absicht von Menschen wie Tobias Mayer (Autor von „The Peoples Scrum“), Stacia Steingartner oder von ehemaligen Kollegen wie Andreas Schliep (heute Das Scrum Team). Nein – unsere Absicht war: Wir wollten die Menschen aus der Infantilisierung (wie Lars es in seinem Vortrag nennt) befreien. Wir wollten aufzeigen, wie sehr wir in Organisationen in dysfunktionalen Verhältnissen leben. Wir wollten das Arbeiten humanisieren, damit Arbeit wieder Spaß macht. Wir wollten, dass sich jeder in seiner Arbeit wirksam fühlt. Erst viel später wurde Agilität instrumentalisiert, um doch wieder den Einzelnen auszubeuten, ihn doch wieder nicht denken zu lassen.

Lasst uns die Reise zum inneren Kompass gemeinsam antreten

Wir müssen weder der Agilität noch dem Neuen Arbeiten abschwören. Treten wir stattdessen die Reise zum „Inneren Kompass“ an. Setzen wir das um, was Bodo Janssen in seinem Film „Die Stille Revolution“ vormacht.
In meinem Fall heißt das unter anderem, Agilität zu nutzen, um die wirklich entscheidenden Fragen zu lösen. Nun erst verstehe ich selbst – danke, Lars -, warum wir Scrum4Schools wirklich ins Leben gerufen haben. Es geht nicht darum, in den Schulen einen methodischen Streit zu gewinnen – was einfach wäre. Wir wollen Kinder dabei unterstützen, sich selbst als Subjekte und als selbstwirksam zu erleben. Dann werden sich diese Kinder selbst genügen und nicht zu Konsumopfern werden. Sie werden zu Erwachsenen heranwachsen, die sich auf echte Beziehungen zu anderen einlassen. Sie werden es gar nicht aushalten, anderen nicht mit Würde zu begegnen. Wenn das gelingt, dann werden die gläsernen Decken, die es in vielen Firmen für Frauen – und offenbar noch stärker für farbige Frauen – gibt, von selbst einbrechen. Dann wird auch der Naturschutz Wirkung haben und vielleicht gibt es dann am Ende sogar noch mehr Unternehmen, die nachhaltige Geschäftsmodelle entwickeln und auf diese Weise unseren Planeten bewohnbar halten.

 

(1) Hüther, Gerald. Würde: Was uns stark macht – als Einzelne und als Gesellschaft (German Edition) (S.122-123). Albrecht Knaus Verlag. Kindle-Version.