Wie wir Schulen zu Oasen des Self-directed learnings machen können

Der neue Trend in der innerbetrieblichen Weiterbildung von Fach- und Führungskräften heißt “Self-directed learning”. Im angelsächsischen Raum setzt sich bei Unternehmen mehr und mehr die Erkenntnis durch, dass es weit sinnvoller ist, Mitarbeiter selbst bestimmen zu lassen, welche Inhalte sie lernen wollen, um ihre Karriereziele zu erreichen. Im weitesten Sinne setzt sich damit in der Weiterbildung fort, was wir in der agilen Szene vor Jahren begonnen haben: Self-directed learning ist eine weitere Spielart der Selbstorganisation. Große Unternehmen gehen diesen Weg der Weiterbildung, um ihre Mitarbeiter effektiver – also am Ende kostengünstiger – auszubilden und als Organisation insgesamt wettbewerbsfähiger zu werden. Die Verantwortlichen ändern ihre Sicht auf das Lernen, nicht weil es den Mitarbeiter mehr Spaß machen soll, sondern weil Lernen effektiv werden soll.

Für mich als Agilisten der ersten Stunde stellt sich zwangsläufig die Frage: Wenn wir Erwachsene auf diese Weise lernen lassen, warum sollte das nicht auch für Kinder und Jugendliche gelten? Könnte es sein, dass der Schulunterricht ebenfalls effektiver sein könnte? Könnte es sein, dass Schule ebenfalls stärker auf das ausgerichtet sein sollte, was jedes einzelne Kind lernen will, statt jedes Kind mit den gleichen Lerninhalten zu versorgen? Könnte es also sein, dass auch in der Schule Self-directed learning den Weg aufzeigen könnte?

Ein neues Mindset für Kultusministerien & Co.

Wenn man dem Vortrag “Bildung versus Wissen” von Richard David Precht folgt, kann man die These verfolgen, dass unser derzeitiges Schulsystem ineffizient ist.

Ich höre in Prechts Aussagen: Auch das Schulsystem, ähnlich wie die großen Organisationen, könnte dazu übergehen, Kinder anders lernen zu lassen. Dazu müsste sich aber zunächst das Mindset der Kultusministerien und Rektoren verändern: Schulen sollte erlaubt werden, ihren eigenen Weg zu finden, was sie Kindern beibringen und wie sie Kinder ausbilden. Toll wäre es, Kinder sogar selbst entscheiden zu lassen, was und in welcher Geschwindigkeit sie lernen wollen. Aber so weit muss es im ersten Schritt ja noch gar nicht gehen. Ein erster Schritt wäre, Schulen überhaupt einmal dazu zu bringen, neue Weg zu gehen.

Und da kommt meine Idee ins Spiel. Precht sagt, zu Recht, man müsse die Verantwortlichen in den Schulen auf diesem Weg unterstützen und ihnen zeigen, wie man neue Lehrformen einsetzen kann, wie man alte Strukturen und Prozesse aufbricht und Schule an sich anders managt. Wie könnte das funktionieren? Indem zum Beispiel etwas Geld für die Schulen bereitstellt, damit sie von professionellen Change Managern und/oder Menschen unterstützt werden können, die solche anderen Lehrformen bereits selbst gestaltet haben. Welche Art von Change Manager müsste das sein? Am besten Consultants, die bereits verstanden haben, was Self-directed learning ist, die wissen, was Selbstorganisation ist und wie man Selbstorganisation einführt.

Also liegt doch die Idee auf der Hand, dass wir Agile Coaches an dieser Stelle unser Wissen einbringen können. Wir haben vielleicht keine Ahnung von Didaktik oder den Inhalten der einzelnen Schulfächer – aber wir wissen, wie man Menschen dazu bringt, sich selbständig einzubringen, Ziele zu verfolgen und in widrigen Umfeldern zu bestehen.

Die Instrumente für Self-directed learning in Schulen gibt es bereits

Wir könnten Schulen zeigen, wie Teams entstehen, wie die Mitglieder dieser Teams Verantwortung übernehmen und wie diese Teams zeigen, dass sie – auch vorgegebene – Inhalte umsetzen (in diesem Fall lernen) können.

Wir könnten den Pädagoginnen und Pädagogen zeigen, wie sie mit Design Thinking Lern- und Schulumgebungen aufsetzen, in denen Kinder besser und schneller lernen.

Wir könnten ihnen zeigen, wie man mit Lean-Praktiken fokussierter arbeitet und dabei weniger gestresst ist. Schulverwaltungen könnten ihre Prozesse mit Kanban verbessern und mit Hilfe von OKRs ihre strategischen Initiativen managen.

Wir könnten überlegen, wie die Ideen von DevOps dazu geeignet sind, fachübergreifende Lehren zu entwickeln.

Das sind nur ein paar Ideen und Ansätze, mit denen wir Agile Coaches die Schulen begleiten können. Wir wissen, dass all das tatsächlich funktioniert und wie es funktioniert.

Zusammen können wir viel bewegen

Jetzt werden viele Agile Coaches sagen: “Schöne Vision – funktioniert eh nicht.” Doch, es funktioniert. Wir haben es mit unserem Ansatz Scrum4Schools bereits bewiesen. Die ersten Projekte mit EduScrum haben es in den Niederlanden gezeigt. Der Film “School Circles” zeigt, wie Schulen soziokratisch organisiert werden können. Es muss dabei auch gar nicht immer der große Wurf sein: Schulen könnten mit einem zeitlich begrenzten Versuchsballon starten.

Agiles Management transformiert langsam, aber dennoch sogar die Verwaltung von Hochschulen. Das haben beim PM Forum 2019 in Nürnberg die Professoren Haneke und Neumann in ihrem Vortrag “Agile Konzepte für die Hochschule” erzählt. Und wer es nicht agil mag, der schaue mal bei “Schule im Aufbruch” nach, oder oder oder … es gibt mittlerweile viele Beispiele dafür, dass Schule anders geht.

Wir Agile Coaches könnten einen wesentlichen Beitrag für unsere Gesellschaft leisten – einen Beitrag, der meiner Meinung nach sogar über die Veränderung hinausgeht, die wir bereits in der Wirtschaft erreicht haben.

Lasst uns doch dieser Idee folgen. Engagieren wir uns dafür, dass das Umfeld, in dem unsere Kinder lernen, ein agiles wird. Unsere bisherigen Ideen dazu könnt ihr unter Scrum4Schools nachlesen. Aber es hindert euch niemand daran, eure eigenen Vorstellungen zur Begleitung von Schulen einzubringen, damit sie zu Oasen des Self-directed learnings werden. Macht was! Unsere Schulen brauchen uns.