Wir wollen unsere Kinder gar nicht besser ausbilden – mit Horst Költze (Autor) und Anna Czerny (Scrum4Schools by borisgloger)

„Es gibt Interessen, dass Schüler:innen nicht zu ihrem Selbst geführt werden, dass sie nicht Zivilcourage üben. Das ist der Bildungsansatz der OECD.“

Horst Költze

Schule ist ineffektiv, veraltet und bürokratisch. Während wir die Führungskräfte von heute mit modernsten agilen Methoden trainieren, werden die Führungskräfte von morgen, unsere Kinder, noch immer mit Lehrmethoden und Ideen aus dem 19. Jahrhundert ausgebildet. Was läuft schief bei uns? Und wie können wir das ändern? Darüber spreche ich in dieser Podcast-Folge mit dem Bildungsautor Horst Költze und meiner Kollegin, Anna Czerny.

Meine Gäste: Horst Költze und Anna Czerny

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Horst Költze war kein guter Schüler – dafür ein umso besserer Lehrer. Um seinen Traumberuf auszuüben, machte er das Abitur nach, leitete zunächst eine Landschule und wurde schließlich Rektor einer Grund- und Hauptschule. Als die Lehrer:innenbildung Schleswig-Holstein reformiert wurde, baute er ein Regionalinstitut für Grund- und Hauptschullehre:innen auf und bildete 22 Jahre lang Lehrkräfte aus. Aber auch in seiner wohlverdienten Pension ließ ihn das Bildungsthema nicht los. Als Autor ist Herr Költze scharfer Kritiker des bestehenden Bildungssystems und kämpft für einen radikalen Umbau der Schule, wie wir sie kennen.

Meine Kollegin, Anna Czerny, habt ihr schon in diesem Podcast kennengelernt. Gestartet im Marketing, führte sie ihr Weg später in die Personalentwicklung. Mit ihrer Ausbildung zur Trainerin und zum Coach entdeckte sie schließlich ihr starkes Interesse daran, wie Menschen lernen und sich weiterentwickeln. Heute verantwortet sie die Projektleitung unserer Initiative Scrum4Schools in Österreich. Anna Czerny und ich haben ein gemeinsames Ziel: Wir möchten die Art verändern, wie Kinder ausgebildet werden.

Das sind die drei Hauptpunkte

1. Es braucht einen Wandel des öffentlichen Bildungsbewusstseins

In unserem Gespräch fasst Horst Költze einige zentrale Forderungen seines Buches „Schule im Bildungsbeben“ zusammen: „Schule muss vom Kopf auf die Füße gestellt werden. Das heißt: Der junge Mensch ist nicht mehr Lernobjekt, sondern -subjekt seiner Bildung. Curriculum ist nicht mehr der Lehrplan, sondern der junge Mensch selbst. Bildungsansatz sind nicht mehr sog. Bildungsstandards, sondern das Lerninteresse des jungen Menschen. Bildungsqualität ist nicht mehr der Rangplatz auf der Pisa-Skala, sondern die Potenzialentwicklung des Kopf-, Herz- und Bauchgehirns im Prozess der Selbstgenese.“

Die meisten erfahrenen Lehrer:innen würden das sofort unterschreiben. Warum fällt es uns dann so schwer, es umzusetzen? Der Autor hat sich im Rahmen eines Essays einmal genauer angesehen, wer die Entscheidungen im Bildungsministerium trifft. Was unsere Kinder lernen müssen, entscheiden Seiteneinsteiger:innen. Die meisten Bildungsminister:innen sind Jurist:innen und ihre Berater:innen nur Schulfach-Expert:innen, keine Pädagog:innen.

Am Beispiel Finnland zeigt sich, dass es auch anders geht. Dort hat der Lehrberuf ein besseres Image, Bildung einen völlig anderen Stellenwert und es wird bereits realisiert, was Herr Költze anspricht. Aber auch in Deutschland gibt es erste Versuchsschulen, etwa an der Universität Dresden. In Österreich hat Anna Czerny im Rahmen von Scrum4Schools gute Erfahrungen mit der Initiative FREI DAY gemacht. „Da bekommen Schüler:innen Zeit, an Dingen zu arbeiten, an denen sie arbeiten möchten“, erzählt meine Kollegin.

2. Nehmt den Kindern den Druck und hört auf, sie ständig zu vergleichen

Kinder sind hochgradig kreativ und können sich neue Fähigkeiten selbst beibringen. Statt sie im eigenverantwortlichen Lernen zu fördern, vereinheitlichen wir aber den Lernstoff und testen, was das Zeug hält. Zu allem Überfluss vergleichen wir sie im Rahmen der Pisa-Studien noch international mit nichtssagenden Zahlen. Anna Czerny wollte ihrem Sohn diesen Druck ersparen und ihm vermitteln, dass Noten nicht so wichtig sind. Aber in der Schule kriegen die Kids das von Mitschüler:innen, Eltern und Lehrkräften mit. „Sie machen sich dann selbst den Druck. Sobald es das System Note gibt, passiert etwas mit den Kindern“, erklärt Anna.

Horst Költze plädiert dafür, das Notensystem abzuschaffen, den Kindern mehr Selbstverantwortung zu geben und ihnen diese Verantwortung bewusst zu machen. Seinem eigenen Sohn hat er es wie folgt erklärt: „Du bist verantwortlich für das, was du werden willst. […] Wahrscheinlich möchtest du später nicht immer gesagt bekommen, was du tun musst, sondern du möchtest auch selbst entscheiden. Dafür musst du etwas tun.“

Wir sehen bei unseren Scrum4Schools-Projekten, dass die Kinder mit Begeisterung dabei sind. Die Freude am Lernen kommt automatisch, wenn man die Schüler:innen Verantwortung übernehmen lässt.

3. Als Gesellschaft wollen wir gar keine besser ausgebildeten Menschen

Ich habe bereits in diesem Blog-Beitrag eine These formuliert, die sich für mich immer wieder bestätigt hat. Ich glaube, dass wir als Gesellschaft unsere Kinder gar nicht besser ausbilden wollen. Das Establishment scheint glücklich damit zu sein, was aus dem Schulsystem rauskommt. Die Kids sind angepasst und dankbare Konsumierende.  Viele von ihnen sind nach dem Besuch von Schule nicht mehr in der Lage, wie Entrepreneure zu denken. Herr Költze kommt in seinem Buch zu einer ähnlichen Erkenntnis. Es gebe Institutionen, die verhindern wollen, dass junge Menschen zu selbstständigen, kreativen Menschen ausgebildet werden: „Das ist der Bildungsansatz der OECD. Der OECD geht es um Anpassung, das ist nachlesbar. Ich habe in meinem Buch die Quellen angeführt.”

Schule in ihrer heutigen Form konditioniert Schüler:innen, damit sie im bestehenden Wirtschaftssystem funktionieren und dieses erhalten. Nur ändert sich gerade auch unsere Wirtschaft und wir stehen in den kommenden Jahrzehnten vor gewaltigen Herausforderungen. Systemerhalter:innen werden uns dabei keine große Hilfe sein. Anna Czerny bringt es auf den Punkt: „Wir wissen heute, dass wir keine Menschen brauchen, die einfach nur Befehle ausführen. Wir brauchen Leute, die fähig sind, Neues zu gestalten und zu experimentieren.“ Darauf müssen wir junge Menschen in der Schule vorbereiten. Damit das gelingen kann, müssen wir sie kreativ, selbstständig und interessenbezogen lernen lassen.


Hört einmal rein in den Podcast und lasst mich wissen, was eure Gedanken sind. Ich freu mich über eure Kommentare!

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